Zurück in Shanghai nach ungewollter Abwesenheit

37. Blog am 21. Januar 2021

Die Rückkehr nach Shanghai nach meiner gezwungenen Abwesenheit durch Corona bedingt ist geglückt. Von September bis Dezember tauchte ich wieder in die Stadt ein. Dann ging es zu den Weihnachtsferien in die Heimat zurück. Hier nun ein kleiner Rückblick auf die Zeit des Reentry to expatlife.

Die Situation

Für diejenigen, die meinen Blog heute zum ersten mal lesen: Mein Mann, meine Zwillingssöhne und ich flohen Ende Januar 2020 aus Thailand vor Covid nach Deutschland und ich bin fast 600 Tage in Deutschland gestrandet. Meine Zwillingssöhne sind erst gar nicht mehr mit mir zurück nach Shanghai, sie gehen nun in Europa auf eine Schule. Mein Mann pendelte mit allen Restriktionen hin und her.

Die Tatsache, dass ich mich seit Rückkehr um meine Kinder hier vor Ort nicht kümmern musste, ließ mich viel freier in der Stadt bewegen, ich musste mich nur um mich und meinen Mann kümmern. Ein neues und so dermaßen ungewohnte Situation, dass wir das erstmal lernen mussten. Plötzlich allein, im 23. Ehejahr, keine Schulevents, keine Unterstützung bei Hausaufgaben, keine Schulbrote. Aber wie vieles im Leben, die Umstellung ging schnell.

Die Abwesenheit von Kindern bedeutet nicht, dass sie nicht omnipräsent sind. Das Kümmern geht immer weiter und ich kann wirklich sagen: Kleine Kinder – kleine Sorgen, große Kinder – große Sorgen. So ziemlich alles ist aus der Ferne lösbar, sofern es nicht um die Gesundheit der Kinder geht und Mama vor Ort bei den Kindern nicht zur Supermom werden muss.

Kindererziehung

Dankbar blicke ich auf fast 20 Jahre Kindererziehung zurück und mir war immer wichtig, dass meine Kinder selbständig werden. Selbständigkeit bedeutet für mich, sich ohne Scheu auf neues Terrain zu begeben und aus bereits gemachten Erfahrungen Entscheidungen zu treffen. Auch wenn die Entscheidungen doch auch mal falsch sein können. Dabei stossen die Kinder immer wieder an Grenzen, das ist ganz normal. So sind mein Mann und ich hier aus der Ferne eine sichere Bank und dann ergeben sich auch mal SOS Anrufe in der Nacht. Wir leiten und begleiten und geben den Kindern Sicherheit. Ein großes Learning für meinen ältesten Sohn ist nach Jahren sicherer Bubble zu Hause und im Internat, dass die Welt da draussen nicht immer freundlich ist und keiner auf dich wartet. Nach tiefen Tälern kommt der Berg und dann auch die Sonne.

Leben in Shanghai

Das Expatleben nach gut 10 Wochen in China ist ein anders als vor der Pandemie. Es ist deutlich zu spüren, dass viele Expats das Land verlassen haben oder eben nach der spontanen Ausreise im Februar 2020 erst gar nicht zurück gekommen sind. Das habe ich bereits in meinem letzten Blog angemerkt und es hat sich bestätigt. Immer mehr Expats werden zum Jahresende das Land verlassen oder werden zu den Sommerferien 2022 vollkommen entkräftet dem Land den Rücken zukehren.

Gemerkt habe ich das unter anderem in unserem Compound Chat mit 380 Mitglieder. Ganze Wohnungseinrichtungen wurden ständig verschenkt und verkauft. Dies unter dem Motto, das Zeug los zu werden und nicht zu viel Ballast mit zu schleppen. Verabschiedungen und liebevolle Wünsche von denen, die bleiben oder hier wohnen. Emotionale Momente und es wird klar, dass die Menschen sich näher gerückt sind auf eine sehr emphatische Art.

Hilfe unter den Expats

Ein Leben auch in der Ferne ist ohne Freunde oder Bekanntschaften nur halb so schön. Mein Mann hatte sich einer sehr lustigen Sportgruppe angeschlossen, mehrheitlich unkomplizierte Briten. Diese habe ich im September direkt kennengelernt und in mein Herz geschlossen und mir war klar, sie hatten sich um meinen Mann in meiner Abwesenheit gut gekümmert. Auch haben seine Kollegen ihn vor allem wochenends zu allen kulinarischen Touren mitgenommen. So ist Position in einer Firma am Ende nicht das was wichtig ist, sondern die Zugewandheit untereinander in einer Pandemie, wo alle ihr eigenes Päckchen zu tragen haben und für viele die Familie in der Ferne unerreichbar war und ist.

andere Expatfrauen

Kontakte zu Schulmüttern habe ich nicht auffrischen können, aber eine handvoll anderer Expatfrauen waren ausreichend, damit ich gemeinsame Touren schnell verabredet habe.

Und nichts ist schöner als mit Si-Young die Leidenschaft für Stoffe zu teilen und ununterbrochen auf Materialjagd zu gehen und mit dem Schneider neue Blusen aus schönster Seide zu kreieren. Ich bin nun stolze Besitzerin eine Cashmere Marlene Dietrich Hose und habe den coolsten Laden für Stickereien entdeckt. Wenn ich schon so viele Leidenschaften hätte, würde ich glatt Seidenblusen nach Maß nach Deutschland exportieren. Eine Bereicherung und dies ist nun wirklich nur in China möglich.

Und dann hatte ich da noch Alexandra, mit der ich immer im losen Kontakt während meiner Zeit in Deutschland geblieben war. Sightseeing mit der Kamera! Da trafen wir zwei uns und Gesprächsstoff ging uns nie aus und Ideen für weiteres Eintauchen in die chinesische Kultur und dunkle Ecken von Shanghai auch nicht. Eine Bereicherung für mich und ich bin beeindruckt von ihr. Sie hat mit Nicole während der Pandemie ein Buch geschrieben: 111 Orte in Shanghai die man gesehen haben muss. Ich habe es gerade in der Quarantäne verschlungen, in einem nächsten Blogbeitrag stelle ich es vor.

Und dann sind da noch Andrea und Pavol, Slowaken, die zuvor in Moskau gelebt haben. Profi-Expats. Sie haben auch eine unglaubliche China-Corona-Odyssee hinter sich. Die Sehnsucht nach Normalität ist ihnen bei jedem Treffen aus ihren Gesichtern zu lesen. Sie sind einfach ganz feine Menschen, nach kurzer Zeit durfte ich sie für mich als gute Freunde bezeichnen. Sie teilen die Liebe zu gutem Essen und für schöne Reisen und dies haben wir in den drei Monaten ausgiebig gemacht, auch wenn einige Reisen durch Coronarestriktionen gestrichen werden mussten. Eine Bereicherung fürs Leben.

Und dann ist da natürlich noch mein Partner, Ehemann, Freund, Zentrum, Kompass, Vater meiner Kinder, Korrektiv und Teamplayer. Das Ziehen in die gleiche Richtung ist während echt steinigen Zeiten das Rezept dafür, dass auch eine gewisse Leichtigkeit immer wieder da ist. Wunderschöne Fahrradtouren haben wir an den Wochenenden unternommen, Yunnan für uns entdeckt, die Wohnung verschönert, den Schneider gemeinsam auf Trab gehalten, unzählige Abende in Restaurants verbracht, Kunst erworben, Ausstellungen besucht, das Dickicht eines Systems gemeinsam ertragen, die Kinder auf ihrem Weg aus der Ferne beraten, ermutigt und gelobt.

Und dann bin ich natürlich meiner großen Leidenschaft nachgegangen: Die Fotografie. Da gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Nachfolgend ein paar Eindrücke, die ich entweder bewusst gesucht habe oder die ich auf meinen Fahrradtouren aufgegriffen habe:

Es war eine unbeschwerte Zeit in dieser Megametropole, die voller Gegensätze und Kuriositäten ist, die weltoffen sein möchte, aber in der Pandemie sich nicht weltoffen zeigt. Wann sich die vielen Märkte und Sehenswürdigkeiten sich mit Touristen wieder füllen, internationale Künstler und Orchester wieder nach China reisen können, das lässt sich nur erahnen. Mein Mann und ich werden dies wohl nicht mehr erleben und unsere Kinder werden uns wohl nicht mehr hier besuchen können. Irgendwann endet eine Entsendung.

Weihnachten nach Hause zu den Kindern

Am 10. Dezember bin ich mit meinem Mann mit der Lufthansa vom Internationalen Flughafen Shanghai-Pudong heim. Die eigene heimische Fluggesellschaft zu betreten, macht nach Jahren im Ausland zu leben schon ein Gefühl von: Gleich bin ich da. Schön. Die Vorfreude, bald unsere Kindern nach 3 1/2 Monaten zu sehen war uns ins Gesicht geschrieben.

Am Schalter standen viele europäische Familien nicht nur mit Reisegepäck, sondern ganz offensichtlich mit Ausreisegepäck. Koffer über Koffer. Ich sah einen kleinen Jungen, der seinen eigenen Rollkoffer hinter sich her zog. Daran hing unter dem Griff ein zerknittertes Schlafkissen. Es sah aus wie das Lieblingskissen, das überall mit hin reist. Und ich sah seinen Fahrradhelm links daneben baumeln. Aus seinem Rucksack guckte ein Kuscheltier. Es war klar, hier zieht jemand um. Um ihn herum die Eltern mit den Geschwistern und jeder Menge Koffer. Sah ich Erleichterung in ihrem Augen? War es Flucht vor den Restriktionen oder war es das pandemieunabhängige Ende der Entsendung und des Chinaaufenthaltes? Ich weiss es nicht.

Wir freuten uns mit jeder zwei großen Koffern voller Weihnachtgeschenke auf Heimat und die Kinder. Im Koffer waren so einige Unikate, die ich habe anfertigen lassen, von denen mein Mann keine Ahnung hatte und die Kinder sowieso nicht. Das Wiedersehen war ein Genuss, Weihnachten wie immer festlich, besinnlich und schön. Die Unikate ein Volltreffer.

Zurück nach Shanghai

Auf dem Rückflug nach China Anfang Januar war der leere Platz im Koffer mit jeder Menge Fourage gefüllt, damit die 2 Wochen Hotelquarantäne nicht so freudlos werden. Aus dieser Hotelquarantäne aus schreibe ich gerade. 10 von 14 Tagen sind rum. Danach folgen noch 7 Tage verschärfte Heimquarantäne. Alles zum Zwecke der 0 Covid Politik in China. Nach Hause geht es Dienstag mit deutlich leereren Koffern, die Vorräte gehen zur Neige und der Wunsch nach dem eigenen Bett wächst.

Das ist Expatleben in China zu Zeiten von Corona. Leicht ist anders. Aber jammern nutzt nix! Ich freue mich auf Si-Young, Alexandra, Andrea, Pavol und die vielen anderen Menschen, die mir die Rückkehr nach Shanghai so leicht gemacht haben.

P.s.: Wer mag kann auch gerne meine Beiträge auf Instagram verfolgen. Sucht nach shanghai.calling !

6 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.